Abwrackprämie für Puten?
Vogelgrippe im Landkreis Cloppenburg - diese Nachricht schreckte Ende vergangenen Jahres die Menschen in der Geflügel-Hochburg Niedersachsens auf. Um zu verhindern, dass sich das Virus ausbreitet, ordnete das Land Niedersachsen innerhalb kürzester Zeit die Keulung von mehr als 600.000 Puten an. Die dadurch entstandenen Ausfälle für die Putenwirtschaft in Millionenhöhe glich die Seuchenkasse aus. Zu dem Vorgehen habe es keine Alternative gegeben - so stellten es die Behörden dar. Experten sind da ganz anderer Meinung. Arne Meyer und Ilka Steinhausen haben für NDR Info recherchiert:
610.000 Puten getötet

Kurz vor Weihnachten im Raum Cloppenburg: Hunderttausende Puten drängeln sich schlachtreif in den Ställen. Viele von ihnen wären wahrscheinlich an den Feiertagen verspeist worden, hätte die Geflügelbranche nicht am 10. Dezember 2008 die Nachricht in helle Aufregung versetzt, dass in einem Putenbestand im Landkreis das Virus H5N3 ausgebrochen ist: Vogelgrippe - aber eine für den Menschen völlig harmlose Untergruppe der gefährlicheren Variante H5N1. Sofort tagten Krisestäbe, Sperrgebiete wurden ausgewiesen und vergrößert, nach und nach Puten gekeult - am Ende waren es 610.000. Für den Staatssekretär im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium, Friedrich Otto Ripke eine eindeutige Entscheidung: "In Deutschland haben wir das erste Mal so konsequent H5N3 bekämpft. Aber ich stehe zu der Entscheidung. Sie ist ethisch nicht einfach, aber fachlich notwendig."
Massenkeulung war übertrieben
Juristisch ist die Entscheidung wohl nicht angreifbar, fachlich aber schon. Das meint zum Beispiel Johan Mooij vom Wissenschaftsforum Aviäre Influenza. Er hält Massenkeulung für völlig übertrieben. Laut Geflügelpestverordnung hätten die Tiere auch geschlachtet und normal verkauft werden können. Das Fleisch sei für den Verbraucher völlig unbedenklich gewesen: "Keulung ist da vollkommen unnötig. Die Tiere sind nur ein bisschen abgeschlafft, aber nach einiger Zeit erholen sie sich. Das Fleisch kann normal auf den Markt kommen und ist nicht gefährlich für den Menschen. Es gab überhaupt keine Begründung, zu großen Keulungsaktionen zu greifen und sogar ganz Niedersachsen als Vogelgrippegebiet zu sperren."
Wirtschaftliche Gründe für Massenkeulung

Die Behörden entschieden sich trotzdem für die Massenkeulung im Sperrgebiet. Das gesamte andere Geflügel in Niedersachsen musste in den Stall. Wenige Tage nachdem der Vogelgrippeausbruch öffentlich wurde, meldete ein Insider in der Fachzeitschrift "Agrar Heute" Zweifel an diesem Vorgehen an: "Ich bin als selbständiger Subunternehmer in dieser Branche tätig, und das schon seit zwölf Jahren. (...) Die lebende Pute ist zu teuer, der Preis für zerlegte Ware absolut im Keller. Die Seuchenkasse aber ist voll. Jetzt bitte mal 1 und 1 zusammenzählen". Auch der Zoologe von der Uni Kiel, Sievert Lorenzen, denkt, dass vor allem wirtschaftliche Gründe ausschlaggebend waren: "Es war die Zeit vor Weihnachten, und es besteht der Verdacht, wenn in der Zeit massenhaft Puten gekeult werden, dass so eine Art Marktbereinigung betrieben wird, dass vielleicht ein Überangebot an Puten da war, das man nicht absetzen konnte. Und das dann das Virus eine willkommene Gelegenheit war, um Puten auf andere Weise zu entsorgen."
Konjunkturprogramm für die Putenindustrie
Der Verlust für die Putenproduzenten hielt sich dank der Tierseuchenkasse Niedersachsen in Grenzen. Sie glich die durch die Keulung entstandenen Verluste größtenteils aus - die Kasse zahlte erstmals seit dem Aufkommen der Vogelgrippe: 14 Millionen Euro insgesamt. Das Geld aus der Kasse stammt zur einen Hälfte von den Beiträgen der Geflügelhalter. Die andere Hälfte kommt vom Land - also vom Steuerzahler. Kritiker sprechen deshalb auch von einem Konjunkturprogramm für die Branche. Der Präsident des niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes, Hoffrogge weist diesen Vorwurf genauso zurück wie Friedrich Otto Ripke vom Landwirtschaftsministerium: "Kurz und knapp: Das ist Blödsinn, weil wir keinerlei Ansätze dieser Art verfolgt haben",meint Ripke. "Wir haben am 9.12.2008 den ersten Befund gehabt – mitten in einem geflügeldichten Gebiet Cloppenburg. Und wir haben nicht abwägen können: Wie wirkt sich das auf dem Markt aus."
Verdacht der Marktbereinigung
Auch wenn Politik und Wirtschaft die Theorie für abwegig halten: Selbst in der Region Südoldenburg sprechen Kommunalpolitiker vom Verdacht der Marktbereinigung. Und im Friedrich Löffler Institut (FLI) - dem Referenzzentrum der Bundesregierung - ist hinter vorgehaltener Hand von einer Ressourcenverschwendung und von einem unbefriedigendem Vorgehen in Cloppenburg die Rede. Offiziell verweist das FLI allerdings an das Landwirtschaftsministerium in Hannover. Zu einem Interview war das Institut nicht bereit. Darüber hinaus argumentiert Staatssekretär Ripke aus Hannover: Puten mit Vogelgrippe seien dem Verbraucher nicht zumuten. Für den Experten Johan Mooij eine reine Schutzbehauptung: "Wenn der Käufer wissen würde, wie viele Krankheiten die Hühner oder Puten schon gehabt haben, wogegen sie medikamentös behandelt wurden, würde er gar kein Fleisch mehr kaufen." Abgesehen davon habe es das harmlose H5N3-Virus schon vor vielen Jahren gegeben, die Tiere seien nur nicht darauf getestet worden, so der Experte. Daher sei es früher auch nicht entdeckt worden.







