Der "Armen"-Arzt von Bad Segeberg

Eine Arzt-Praxis, in der Patienten nichts bezahlen - unmöglich, könnte man denken. In Bad Segeberg nicht. Dort eröffnet die "Praxis ohne Grenzen", die in Zusammenarbeit mit der Bad Segeberger Tafel entstanden ist. Menschen, die sich einen Arztbesuch sonst nicht leisten könnten, werden hier kostenlos behandelt. Eigentlich könnte Initiator Uwe Denker seinen Ruhestand genießen. Mehr als 30 Jahre hat der 71-Jährige als Arzt gearbeitet. Doch zu viel Ruhe ist nichts für einen wie ihn. Schon lange engagiert er sich bei der Bad Segeberger Tafel: "Wir haben hier in Segeberg festgestellt, dass zunehmend Armut besteht. (...) Die Zahl der "Kunden" bei der Tafel nimmt kontinuierlich zu. Und ich kenne das auch noch aus der Praxis, dass ein Patient nicht zehn Euro bezahlen konnte oder sich auch die Medikamentenzuzahlung nicht leisten konnte."
Die Küche wird zum Labor
Um sich für Bedürftige einzusetzen, hat Uwe Denker gemeinsam mit der Bad Segeberger Tafel die "Praxis ohne Grenzen" gegründet. Der 71-Jährige hat in den vergangenen Tagen seine schwarze Arzttasche wieder hervorgeholt und gepackt: "Da sind Notfallampullen drin, Spritzen, Mundspatel, Handschuhe, Blutdruckmessgerät und Blutzuckermessgerät". Dinge, die Uwe Denker alle in seiner provisorischen Praxis braucht. Sie besteht aus einem Konferenzraum der Arbeiterwohlfahrt und einer zum Labor umfunktionierten Küche. Zwei Stunden pro Woche kann Uwe Denker diese Räume für seine Zwecke nutzen. "Konkret behandeln wir Leute, die sich in einer finanziellen Notlage befinden": Hartz IV-Empfänger, freiwillig Versicherte, die ihre Beiträge nicht bezahlen können und Patienten, die gar keine Kranken-Versicherung oder kein Geld für die Praxis-Gebühr haben. "Was da jetzt an Bürokratie eingetreten ist - das ist mir so zuwider", sagt der Mediziner. Und somit will der 71-Jährige, bescheiden wirkende Mann mit den grauen Haaren, mit seinem Projekt auch eine politische Botschaft vermitteln: "Weg mit den zehn Euro und Medikamentenzuzahlung - und die Mehrwertsteuer für Medikamente senken".
Die Medikamente, die Uwe Denker bald an seine Patienten ausgibt, sind Spenden von Seniorenheimen, Apotheken und von Herstellern, die die noch nicht abgelaufenen Präparate sonst teuer vernichten müssten: "Ein Beispiel, hier in Bad Segeberg werden Medikamente, die zum Teil nicht abgelaufen sind, vernichtet, und das sind im Jahr 22 Tonnen. Da ist viel Potential."
Große Spendenbereitschaft
Die gespendeten Medikamente an die Patienten zu verschenken, ist rechtlich schwierig. Doch Uwe Denker lässt sich davon nicht abhalten. Und neun weitere Ärzte auch nicht. Sie haben sich mittlerweile bereit erklärt, den 71-Jährigen zu unterstützen, sich mit ihm in der Praxis abzuwechseln. Hilfe bekommt Uwe Denker auch von Firmen, die Geräte und Mobiliar spenden. Dieser große Zuspruch überrascht den Arzt dann doch: "Das macht mich glücklich und ich kann jetzt auch andere Regionen anregen, macht das auch wie wir, nennt euch auch 'Praxis ohne Grenzen' und macht so was auf."







