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Reportage | 20.03.2009 09:20 Uhr

Pralle Puten - Wachsen um jeden Preis

Truthähne - Massentierhaltung © picture-alliance

22 Wochen lang ist das Leben einer durchschnittlichen deutschen Pute. Ihre Hauptaufgabe in dieser Zeit: wachsen um jeden Preis; auch, weil wir Deutschen gerne Putenbrust essen. Das hat für die Puten teils schmerzhaften Folgen: Vor kurzem haben wir auf NDR Info darüber berichtet, dass den Tieren der Schnabel beschnitten und massenhaft Antibiotika verabreicht wird und das auch, wenn die Tiere nicht erkrankt sind. Aber bei diesen Medikamenten bleibt es nicht, wie NDR Info Reporter Arne Meyer und Ilka Steinhausen herausgefunden haben.

Sie stehen in engen Ställen, viele tausend Puten, dicht gedrängt, und sie stehen sich irgendwann gegenseitig auf den Füßen. Denn mit jedem Tag wird es für die Tiere enger. Die Folge: Stress und Schmerzen. Denn in der konventionellen Haltung sind Puten genetisch mittlerweile verändert und darauf getrimmt, in kurzer Zeit extrem stark zuzunehmen, sagt Sabine Petermann vom niedersächsischen Landesamt für Verbraucherschutz (Laves): "Ein Putenhahn muss in weniger als einem halben Jahr von 50 Gramm auf 20 Kilo kommen. Das ist das Vierhundertfache des Schlupfgewichts. Da müssen Skelett und Herzkreislaufsystem enorm viel leisten, um mithalten zu können.“

"Sie vegetieren nur noch dahin" 

Aber nur selten kann das Skelett da mithalten. Ursprünglich machte die Putenbrust bei einem Tier 25 Prozent ihres Gewichts aus. Dank modernster Zuchtmethoden besteht die Mast-Pute heute zu etwa 40 Prozent aus Brustfleisch. Der ehemalige Veterinäramtsleiter in der Region Weser-Ems, Hermann Focke, meint, dass sich die Puten schon Wochen vor dem Schlachttermin kaum noch bewegen können: "Sie steht nur eine geringe Zeit, nachher liegen die Tiere. Häufig in feuchter Einstreu. Sie vegetieren nur noch dahin."  Die Folge: Die Puten haben wegen der engen Haltung starke Schmerzen. Um die zu lindern, verordnet ein Tierarzt Schmerzmittel. Das bestätigt Peter Wesjohann, Juniorchef der PHW-Gruppe im niedersächsischen Rechterfeld. Zu ihr gehört unter anderem die Geflügel-Marke „Wiesenhof“: "Schmerzmittel zur Prophylaxe kommen nicht vor, sondern nur wenn eine Krankheit da ist, dann ja. Das ist so, als wenn Sie Kopfschmerzen haben - dann nehmen sie auch Schmerzmittel." Mit dem Unterschied, dass diese Schmerzmittel für den Menschen zugelassen sind. Speziell für Puten konzipierte Medikamente gibt es nicht, sagt Tierarzt Rupert Ebner: "Aspirin ist noch nicht allzu lange in der Tiermedizin zugelassen. Illegal eingesetzt wurde es ja schon seit vielen Jahren. Nur das jetzt auf dem Markt befindliche Aspirin hat keine Zulassung für Puten."

Quickfidel mit Solacyl

Puten in Bodenhaltung © dpa / picture-alliance

In der Putenmast kommen deswegen Präparate zum Einsatz, die zum Beispiel nur für Schweine und Rinder zugelassen sind - "Solacyl" etwa. Der Hersteller aus den Niederlanden wirbt in einer Imagebroschüre mit dem Slogan "Quickfidel mit Solacyl" für sein Produkt. Und damit die Puten möglichst quickfidel die Schlachtreife erreichen, geben viele Mäster das Produkt über einen Umweg, sagt Elke Kleiminger vom Laves: "Es wird festgestellt, dass es kein Medikament für diese Tiere gibt, es aber benötigt wird. Wir haben dann einen Therapienotstand. Und nun kann man für andere Tierarten zugelassene Medikamente umwidmen. Also zum Beispiel das ’Aspirin’ für Schweine kann man dann für Puten nehmen, und muss dann nur die Wartezeit verlängern." Verlängerte Wartezeit heißt: Eine gewisse Zeit vor dem Schlachttermin dürfen Mäster den Tieren keine Medikamente mehr geben. Bei einem nicht für Puten zugelassenen Schmerzmittel sind das 28 Tage. Doch gerade zum Ende der Mast haben Puten besonders starke Schmerzen, da ihre Beine das Gewicht kaum noch tragen können. Eine unhaltbare Situation, so der ehemalige Veterinäramtsleiter Hermann Focke: "Zumindest die volle Intensität der Schmerzhaftigkeit und des Leidens ist dann zumindest die letzten zwei bis drei Wochen vor der Schlachtung gegeben. Von allen anderen Dingen wie Stress aufgrund der Tierdichte mal ganz abgesehen."

Laut einer Studie der Uni Leipzig hatten fast 100 Prozent der untersuchten Puten tiefe Hautverletzungen an den Füßen. All das sind nach Fockes Meinung Folgen der Putenhaltung, wie sie die konventionellen Mäster praktizieren: "In keiner anderen Nutztierhaltung ist die Aufzucht und die Mast der Tiere mit derartigen Schmerzen und langandauernden Leiden verbunden wie gerade die Putenmast."

Autor: Ilka Steinhausen und Arne Meyer

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