Putenzüchter am Rande der Legalität

Putenfleisch ist fettarm, gesund und dazu noch relativ preisgünstig, so ist es in der Werbung oft zu hören, und Putenfleisch wird von Verbrauchern gern gegessen. Die Mast von Puten ist für die Tiere alles andere als angenehm. Das haben Recherchen von NDR Info ergeben. Zum Beispiel was die Verwendung von Antibiotika in der Putenmast angeht. Arne Meyer und Ilka Steinhausen berichten.
Flauschige Küken in Pappkartons, großzügige Ställe mit reichlich Auslauf - dieses Bild zeichnet die deutsche Putenwirtschaft gerne von ihrer Branche. Der entsprechende Verband preist auf seiner Internetseite die gläserne Landwirtschaft. Wer sich dort allerdings etwas genauer umsieht, der entdeckt teilweise bedenkliche Methoden - Stichwort: Antibiotikaeinsatz. Diese Medikamente beschleunigen bei den Tieren das Wachstum. Seit gut vier Jahren dürfen sie zu diesem Zweck allerdings nicht mehr eingesetzt werden, sondern nur noch, wenn ein Tier erkrankt. Ein Veterinär verschreibt dann das Präparat, und das bekommt gleich die gesamte Herde.
"Die Tiere werden mit Antibiotika vollgepumpt"
Tierschützer Sven Reiter, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, kennt Dutzende Putenställe von innen, vor allem in Niedersachsen. Er verschafft sich dort seit Jahren Zugang, ohne das die Mäster davon etwas mitbekommen. Dabei ist er immer wieder auf Antiobiotika gestoßen - und das kartonweise: "Im Grunde ist es so, dass die Tiere vom ersten Tag mit Antibiotika regelrecht vollgepumpt werden. Das geht quasi bis zum Schlachtende so. Und letztendlich ist es ein Mix aus verschiedenen Antibiotika. Federführend ist da vielleicht das 'Aviapen' zu nennen - dies wird gerne im Putenmastbereich eingesetzt wird - ich treffe es in allen Ställen an."
NDR Info liegen Belege vor, die das bestätigen. Auch mehrere Veterinäre haben diese Erfahrung gemacht. Hermann Focke, ehemaliger Amtstierarzt im Oldenburger Münsterland ist einer der wenigen, der offen darüber redet: "Ich kann natürlich nicht über jeden Stall berichten, aber ich weiß aus meiner früheren Tätigkeit und auch nach meinem Ausscheiden als Veterinäramtsleiter in Weser-Ems, dass weiterhin und sogar wie mir von Experten bestätigt wurde im verstärkten Maße Medikamente eingesetzt werden."
Zweifel an therapeutischem Einsatz
Illegal ist diese Medikamentenabgabe nicht. Das seit 2006 geltende Verbot von Antibiotika als Wachstumsförderer werde nur unter dem Deckmantel der medizinischen Notwendigkeit umgangen, sagt BUND-Experte Tillmann Uhlenhaut: "Es soll dann eben ein therapeutischer Einsatz sein. Also, wer da noch einen Unterschied feststellen kann bezweifel ich und überall dort, wo Antiobiotika im Futter verboten worden sind, hat man festgestellt, dass die Menge der Antibiotika, die bei Tieren eingesetzt werden, nicht gesunken ist, sie ist halt eben als Medikament verabreicht worden und nicht über das Futter."
Der Vorsitzende des niedersächsischen Geflügelwirtschaftsverbandes, Wilhelm Hoffrogge, weist die Darstellung von Veterinären und Tierschützern zurück. Der Einsatz von Antibiotika geschehe nur auf Anweisung eines Tierarztes, der Aspekt der Wachstumsförderung spiele keine Rolle: "Das ist eine Beurteilung, die ein Tierarzt vornehmen muss. Dazu kann ich relativ wenig sagen. Wenn es einen Doppeleffekt oder einen Nebeneffekt gibt, dann ist das einfach so. Im Vordergrund steht aber ganz eindeutig die Behandlung der Tierbestände."
Stand: 19.02.2009 16:21 Uhr







