Eins-zwei-drei: schuldenfrei
Wer seine Schulden nicht mehr bezahlen kann, dem werden Haus und Hof gepfändet, bis er nichts mehr hat. Tag für Tag müssen hunderte Deutsche eine solche Privatinsolvenz anmelden. Auch in den folgenden sechs Jahren wird jeder Cent über dem Existenzminimum weggepfändet - das Geld geht an die Gläubiger. Es sei denn, man ist so schlau und findet ein Schlupfloch. Das Schlupfloch gibt es, es ist ganz legal und heißt England.

Henning Briese ist pleite: knapp eine Million Euro Schulden. Die Bank hatte seiner Firma den Kredit gekündigt. Eigentlich müsste Briese mit seinem Elektronikhandel jetzt Insolvenz anmelden und die nächsten sechs Jahre auf Hartz-IV-Niveau leben. Doch Briese, der eigentlich anders heißt, ist schlauer: Er verkaufte Haus und Auto, nahm das Geld und zog nach England: "Ich meine, früher sind die Leute von Deutschland aus nach Holland oder Polen gefahren, um günstig zu tanken - das ist ja auch nichts Verwerfliches", meint er. "Man muss nur eben die Gesetze der anderen Länder kennen und ausnutzen."
Nach einem Jahr schuldenfrei
In England nämlich braucht er nicht sechs Jahre lang zu darben, bis das Insolvenzgericht ihn von seinen Schulden befreit - hier dauert das nur ein einziges Jahr. Mittlerweile gibt es Agenturen, die sich auf den sogenannten Insolvenztourismus spezialisiert haben. Rainer Graudegus von der Hamburger Agentur Advance-Direkt bietet seinen Pleite-Kunden full service mit allen Annehmlichkeiten: "Wennn jetzt jemand nach England fährt oder fliegt, wird er also vom Flughafen abgeholt. Parallel sind mit Maklern für die Wohnung, mit Banken fürs Bankkonto Termine vereinbart worden." Genau so lief es auch bei Henning Briese. In ein paaar Wochen lebt er ein halbes Jahr in England - dann darf er Insolvenz beantragen. Seine Brötchen verdient er so lang mit der Beratung alter Kunden. Er hat eine kleine Wohnung gemietet in der Grafschaft Kent, vor den Toren Londons: "Ich spiele leidenschaftlich gern Trompete, hab' hier auch ein Orchester gefunden, wo ich zweimal die Woche mit denen proben kann, und ich gehe weiterhin regelmäßig ins Fitnessstudio – im wesentlichen führ' ich mein altes Leben soweit fort."
Er könne nichts für seine Schulden, meint Briese. Warum soll er also jahrelang nur für seine Gläubiger ackern und nichts vom Leben haben. Dann gibt er sein verbliebenes Geld lieber einer Agentur, die ihm fix durch die Insolvenz hilft.
Nur für Groß-Pleitiers geeignet
"Eine Insolvenz lohnt sich für Selbständige, die mindestens Verbindlichkeiten von 100.000 Euro haben - damit das ganze überhaupt wirtschaftlich wird", erklärt Graudegus. "Und ein paar Mark sollten sie auch noch nebenbei haben, denn die Durchführung einer Insolvenz kann nur gegen Vorkasse geleistet werden - logischerweise." 5.000 bis 10.000 Euro verlangt der Hamburger Berater Graudegus für seinen Komplett-Service, inklusive rechtlicher Begleitung in England. Kleinschuldner können sich das gar nicht leisten, räumt Graudegus ein. Sie müssen hier sechs Jahre jeden Cent abgeben. Nur Großpleitiers mit Schwarzgeld sind nach einem Jahr England alle Schulden los: "Es ist moralisch natürlich zum Teil sehr bedenklich", gibt Graudegus zu. "Im Grunde ist es ein Versäumnis der Politik: Die EU-Länder erkennen die Entscheidungen ihrer Insolvenzgerichte untereinander an. Aber die Dauer der Verfahren haben sie nicht abgestimmt."
In England ist Henning Briese einfach sechs mal schneller durch: "Ich komm' in anderthalb Jahren einfach wieder und kann neu durchstarten, und bin mit dem Thema fertig." Der Bundesgerichtshof hat bestätigt: Sobald der englische Insolvenzrichter den Deutschen für schuldenfrei erklärt, gilt das europaweit. Auch wenn Briese nach Deutschland zurückkehrt: Seine Gläubiger sind machtlos.







