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Reportage | 29.01.2010 06:20 Uhr

Die Moralisierung der Märkte

Das Biosiegel der EU steckt in einem Topf Gartenkresse © dpa / picture-alliance

Kaum eine Woche vergeht ohne neue Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen im Einzelhandel, über falsche Kennzeichnung von Produkten oder Schmu mit Öko- und Biosiegeln. Die öffentliche Aufregung ist dann kurzzeitig groß - auf lange Sicht scheint sich aber kaum etwas zu ändern. Doch Unternehmen reagieren mittlerweile sehr sensibel auf die Stimmung in der Bevölkerung - die Macht der Verbraucher nimmt zu.

Gerechte Bezahlung, fairer Handel, gute Arbeitsbedingungen der Produzenten und ökologisch-hergestellte Produkte - das seien Ziele, die ganz einfach zu erreichen sind. Wir, die Konsumenten, müssten es nur wollen, erklärt Tanja Busse, Autorin des Buches "Die Einkaufsrevolution". Die Verbraucher könnten über die Nachfrage das Angebot bestimmen: "Das heißt, die können in die Läden gehen und sagen: Ich will nicht länger Fleisch aus tierquälerischer Haltung haben. Und sie können sagen: Ich will Bio-Baumwolle haben, damit ich nicht länger Baumwolle, für die Menschen gestorben sind, auf der Haut tragen muss." So könnten die Anbieter ökologisch erzeugter und fair gehandelter Produkte gestärkt werden.

Vom Managment- zum Konsumenten-Kapitalismus 

Dem Bio-Boom tragen mittlerweile selbst Discounter wie Lidl in ihrem Sortiment Rechnung. Denn der Druck auf die Unternehmen wachse, auch wenn die Zahl der Kunden, die so gezielt einkaufen noch klein ist, glaubt Tanja Busse. Fünf bis zehn Prozent der Konsumenten vertrauten nicht mehr blind der Werbung sondern entschieden nach sozialen Gesichtspunkten und Umweltkriterien. Damit ist nach Ansicht der Autorin eine "kritische Masse" zur Beeinflussung von Konzernstrategien erreicht.

Kulturwissenschaftler sprechen bereits von einer "Moralisierung der Märkte", in der die Konsumenten an Macht gewinnen und das Angebot bestimmen. Die Handels-Welt habe sich vom Management-Kapitalismus zum Konsumenten-Kapitalismus gewandelt, erklärt der Trendforscher und Unternehmensberater Eike Wenzel: "Man sagt heute, dass ein vernünftiges Marketing nicht darin besteht, Leute zu überreden, etwas zu kaufen." Vielmehr sollte man den Kunden auf Augenhöhe begegnen und den Kunden zuhören.

Einkommen und Verantwortung

Vor allem das Internet mit seinen vielen Bewertungsportalen und Foren habe zu diesem Trend beigetragen. Früher sei der günstigste Preis das wichtigste Kriterium für den Kauf gewesen, jetzt werde den Konsumenten ihre Macht bewusst, sagt Wenzel. Sie entdeckten, dass sie nicht nur an der Preisschraube drehen, sondern auch Marken beeinflussen könnten.

Aber nicht jeder ist in der Lage, seine Konsumenten-Macht auch wirklich auszuüben: Viele können sich den Einkauf im Bio-Laden schlicht und einfach nicht leisten. Müssten sie auch nicht, meint Tanja Busse. Man dürfe Menschen mit geringem Einkommen nicht vorwerfen, dass sie den "kritischen Konsum" nicht voranbringen: "Wer das tun muss, sind die Leute, die genug Geld haben, die Bildung haben, die das Interesse haben, sich zu informieren." Wenn die wider ihr besseres Wissen un-ökologische Produkte kauften, müsse man ihnen das allerdings zum Vorwurf machen.

Bis der kritische Konsument den Normalfall darstellt, dürfte es aber noch dauern: In einer Umfrage des Kölner Instituts für Handelsforschung kürten Verbraucher vor wenigen Tagen den Discounter Aldi zum vertrauenswürdigsten Lebensmittelhändler Deutschlands - der umstrittene Konkurrent Lidl kam immerhin auf Platz vier.

Autor: Nicolai Kwasniewski

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