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Reportage | 09.02.2010 06:20 Uhr

"Diese Kinder sind immer ausgeschlossen"

Kinder von Hartz IV Empfängern bekommen zu wenig Geld. Das hat das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe festgestellt. Die Regierung muss nun nachbessern und die Sätze für Kinder an die der Erwachsenen angleichen. Bisher bekommen sie nur zwischen 60 und 80 Prozent von den 359 Euro Regelsatz. Wie dringend eine Anhebung der Regelsätze benötigt wird, zeigt ein Blick nach St. Pauli in Hamburg. Dort sind 37 Prozent der Kinder und Jugendlichen auf Sozialleistungen angewiesen.

Hartz IV  © picture alliance/sven simon Fotograf: sven simon

Eine Ganztagsschule mitten auf St. Pauli in Hamburg. Für die meisten Schüler zählt Hartz IV zum Alltag. So wie für den 14 Jahre alten Frederic: "Urlaub machen wir gar nicht. Wir fahren ab und zu mal zu meinen Großeltern und Tanten und die wohnen in Hannover." Frederic lebt allein mit seiner Mutter. Weil das Geld knapp ist, arbeitet er in der Schülerfirma mit. Mit seinen Mitschülerin kocht und serviert er auf Firmen oder privaten Feiern. Bei diesen Caterings können schon mal 40 Euro zusammenkommen. Davon kauft sich Frederic nichts für sich: "Ich geh' dann zu Rewe, und da kaufe ich eben nicht so die großen Sachen sondern nur die Sachen, die meine Mutter immer braucht: Milch, Brot und Wasser."

"Das ist wirklich Armut"

Dass die Kinder so früh Verantwortung für sich selbst und oft auch für ihre Eltern übernehmen sieht die Leiterin der Schülerfirma Annegret Lotzkat mit Sorge. Sie stellt fest: Immer mehr Kinder kommen nicht nur hungrig und durstig zur Schule: "Wir sehen das an der Kleidung - vor allem bei den Kindern, die vor der Pubertät sind, die tagelang die gleichen Sachen tragen und so, wie wir vermuten und wie sie sich dann anfühlen oder riechen oder aussehen, auch Tag und Nacht - das ist wirklich Armut."

Armut, die auch täglich Sabine empfindet. Die alleinerziehende Mutter zweier Kinder stockt ihr Hartz IV mit einem Zwei-Euro Job in einer Obdachlosenküche auf. Pro Monat hat sie 800 Euro für Lebensmittel, Kleidung und sonstige Ausgaben zur Verfügung - für sie heißt Alltag damit: "Prospekte gucken, wo es welche Angebote gibt, und wenn dann die Butter 78 Cent kostet, dann kauft man eben gleich fünf Stück." Viele Wünsche ihrer Kinder muss sie verneinen: "Mein Sohn würde gern Capoeira machen, das ist eine Kampfsportart mit Tanz, und meine Tochter würde gern einen Tanzkurs belegen. Doch dafür fehlt das Geld."

Für Klaus Wicher vom SoVD Sozialverband Deutschland haben Kinder aus Hartz IV Familien von Anfang an schlechtere Startbedingungen: "Das fängt in der Schule an, wenn es darum geht, Reisen zu machen (...). Immer müssen sie nein sagen. Immer können sie nicht teilnehmen. Sie können nicht zusätzlich in einen Sportverein gehen, sie können ihre Fähigkeiten und Talente nicht entwickeln. Sie sind immer ausgeschlossen von den Regeln der allgemeinen Gesellschaft. Und das führt dazu, dass sie ins Abseits geraten, und das ist ein Kreislauf, aus dem wir diese Kinder herausholen müssen. Denn auf Dauer könne es sich Deutschland nicht leisten, auf diese Kinder zu verzichten", sagt Wicher.

Autor: Kathrin Erdmann