Neue Wahl dank falschem Doktor?

Mittelständischer Unternehmer, Familienvater und dann noch ein Doktortitel der Wirtschaftswissenschaften - für die CDU ein Kandidat wie aus dem Bilderbuch. Im vergangenen Herbst schickte man den Münsterländer Dieter Jasper ins Rennen um ein Bundestagsmandat, das er prompt gewann - in einem bisher für die SPD sicheren Bezirk. Doch kaum war die Wahl um, kam heraus: Der Doktor ist gar kein Doktor, der Titel bei einer Briefkastenfirma gekauft. Jetzt muss der Bundestagspräsident entscheiden, ob er gegen das Wahlergebnis Einspruch einlegt.
Gut sitzender Anzug, geschmackvoll dezente Krawatte und immer ein gewinnendes Lächeln - das Ganze noch professionell fotografiert: das war Doktor Dieter Jasper, wie er von den Wahlplakaten der CDU im nördlichen Münsterland grüßte. Sympathisch, dynamisch und vor allem kompetent - so präsentiert er sich bis heute: "Ich habe den Familienmenschen Dieter Jasper nach vorne gestellt, den Mittelständler Dieter Jasper und auch den Menschen. Das war immer der Wahlkampf: ein Kandidat zum Anfassen."
Doktortitel nach der Wahl wieder abgelegt
Doch den Doktortitel, der auf Wahlplakaten und Stimmzetteln prangte, hat Dieter Jasper inzwischen ablegt. Letzten Herbst habe er festgestellt, dass er ihn gar nicht führen darf - allerdings erst Wochen nach der Wahl. Das habe er der Bundestagsverwaltung dann gleich mitgeteilt. Sein Herausforderer Reinhold Hemker von der SPD, echter Doktor und zuvor im Wahlkreis viermal erfolgreich, sieht sich von Jasper um den Sieg gebracht: "Es ist unter falschen Voraussetzungen gewählt worden. In diesem Fall war dieser "Dr. rer. pol." ein wichtiger Baustein bis hin zur Wahl (....) und dann sofort danach wird bekannt - beim Ausfüllen der Bögen im Bundestag, dass dieser Doktor nicht stattfindet."
Bekannte "Titelmühle"
Seit dem Jahr 2004 schon hatte sich der studierte Kaufmann Jasper als Doktor ansprechen und den Titel auch sofort in seine Ausweispapiere eintragen lassen. Damals, so heißt es in seinem Heimatort, habe er plötzlich eine Urkunde vorgelegt, ausgestellt von einer "Freien Universität Teufen" in der Schweiz. Googelt man die, stößt man in Sekunden auf Begriffe wie "Titelmühle" oder "falscher Doktortitel". Er aber habe das damals nicht gemacht, sagte Jasper jüngst dem WDR in Münster: "Ich weiß nicht, welche Möglichkeiten Google damals hatte. Ich bin damals weder politisch noch sonst wie tätig gewesen. Es war für mich kein Anlass. Es war für mich eine Möglichkeit, eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben. Meine Intention war nicht, einen Doktortitel zu führen oder besondere Wichtigkeit durch einen weiteren akademischen Grad zu erhalten."
Fünfstellige Eurosumme für eine Promotion
Für die Doktorurkunde der inzwischen verschwundenen Schweizer Briefkastenfirma, die sich aufgrund einer Gesetzeslücke Universität nennen durfte, war üblicherweise eine fünfstellige Eurosumme fällig. Spätestens da hätte Jasper merken müssen, dass etwas faul ist, sagt Ulrike Beisiegel, Hamburger Professorin und Ombudsfrau der Deutschen Forschungsgemeinschaft: "Da sollte man gewarnt sein. (...) Wenn man an einer staatlichen Hochschule promoviert, dann bekommt man etwas bezahlt. Alle roten Lampen müssen angehen, wenn man für eine Promotion etwas bezahlen soll ."
Titelmissbrauch ist eine Straftat, ein Fall für die Staatsanwaltschaft. Doch Jasper plädiert auf Ahnungslosigkeit. Er habe fünf Jahre lang nie Verdacht geschöpft, sagt er. Falsche Doktoren allerdings seien gerade in Wirtschaftskreisen keine Seltenheit, weiß Beisiegel: "Ich glaube, das sind Leute, die eben Eindruck schinden wollen. Und dass in vielen Bereichen der Wirtschaft und des Managements da schnell mal gesagt wird, ja, so ein Doktortitel ist toll und man sich den dann eben kauft."
Jaspers gekaufter Titel habe im Wahlkampf eine große Rolle gespielt, so SPD-Gegenkandidat Reinhold Hemker, von Beruf Pastor: "Es wurde ein Gesamtpaket gegen den Kandidaten der Sozialdemokraten aufgebaut - Stichwort: Wirtschaftskompetenz - und dann wurde per Gerüchteküche gestreut, dass dieser eigentlich nicht kompetent ist. Jasper war da das Gegenmodell."
Die Wirtschaftskompetenz unterstreichen sollte wohl auch Jaspers Lebenslauf, der nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre in Münster auch eine Tätigkeit bei der renommierten Unternehmensberatung Kienbaum verzeichnet - in den Jahren 1989 und 1990. Bei Kienbaum allerdings, so ergaben Recherchen von NDR Info, erinnert man sich nur an einen Praktikanten Dieter Jasper, der 1989 gerade mal drei Monate dort tätig war.
"Ich wurde nicht wegen des Titels gewählt"
In den nächsten Tagen nun will Bundestagspräsident Nobert Lammert entscheiden, ob er Einspruch einlegt gegen das Ergebnis in Jaspers Wahlkreis. Dann müsste die Wahlprüfungskommission des Bundestages über eine Wiederholung der Wahl im Münsterland beraten - Ausgang ungewiss. Die zuständige Staatsanwaltschaft wartet derweil mit ihren Ermittlungen auf die Entscheidung aus Berlin. Bei der CDU in der Nordrhein-Westfalen jedenfalls gibt es schon Murren über Jasper - nicht nur hinter den Kulissen. Schließlich ist in wenigen Wochen Landtagswahl und mit der Debatte über Parteiensponsoring hat man genug zu tun. Doch Jasper, der frühere Doktor, will erst einmal Abgeordneter bleiben: "Ich persönlich glaube, dass ich nicht wegen eines Titels gewählt worden bin. Und ich denke, einem Menschen muss auch eingeräumt werden, dass er einen Fehler macht. Für mich sehe ich keinen Grund, das Mandat zurückzugeben."






