Billiges Fleisch hat einen hohen Preis
Ein Kommentar von Ilka Steinhausen

Dicht an dicht gedrängt fristen Puten ihr Leben in fabrikähnlichen, halbdunklen Ställen, liegen auf ihren hochgezüchteten Brüsten, weil ihre Beine das Gewicht nicht mehr halten können. Diese Bilder sind es, bei denen uns der Putenbraten im Hals stecken bleibt. Da werden kleinen flauschigen Putenküken die Schnäbel auf grausame Art und Weise abgetrennt, damit sich die Tiere nicht zu Tode picken, wenn es im Stall von Tag zu Tag enger wird. Und damit sie die Qualen ihres Lebens überhaupt aushalten können, bekommen sie Schmerzmittel und beim Verdacht auf Krankheiten verschiedenste Antibiotika, verordnet vom Tierarzt.
Verbote ohne Wirkung
Sowohl das Schnabelkürzen als auch der wachstumsfördernde Einsatz von Antibiotika sind verboten. Beides passiert aber Tag für Tag nicht in allen, aber in vielen konventionellen Ställen. Doch warum bestehen diese Verbote, wenn es dann ganz legale Wege gibt, sie zu umgehen und sich am Ende für die Puten gar nichts ändert? Absurd ist das, und hier muss der Gesetzgeber dringend handeln. Nicht nur, weil den Tieren Leid erspart werden muss, sondern auch, weil wir Verbraucher so ein Fleisch nicht essen sollten. Selten werden die Tiere so gehalten, wie der verantwortungsbewusste Verbraucher es gern hätte, damit er genüsslich und ohne schlechtes Gewissen sein Fleisch verzehren kann.
Mitnichten der erste Skandal
Das Schlimme aber ist, dass die Meldung den Verbraucher wahrscheinlich nicht einmal überrascht, weil es mitnichten der erste Skandal ist. Das Vertrauen in die Branche ist schon seit Jahren erschüttert. Und gerade diese Tatsache sollte uns aufschrecken. Wir essen Fleisch, obwohl wir wissen oder zumindest ahnen, dass die Tiere oft unter grausamen Bedingungen leben. Die meisten von ihnen sind nur auf der Welt, um uns satt zu machen. Je nachdem, welches Fleisch gerade von einem Skandal betroffen ist, fällt an der Theke die Wahl eben auf eine andere Sorte: Rind, Schwein oder Huhn. Wenn sich die Aufregung gelegt hat, kehren die meisten Verbraucher zu den alten Essgewohnheiten zurück. Geändert hat sich meistens nichts.
Verbraucher könnten Druck ausüben
Putenfleisch ist in den vergangenen Jahren nicht wesentlich teuer geworden. Das liegt vor allem an der mittlerweile bis ins kleinste Detail organisierten Mast. Genetisch entsprechend veränderte Rassen müssen in 20 Wochen ihr Gewicht um das 400-fache steigern. In dieser Zeit überlassen die Mäster nichts dem Zufall. Sie stehen unter immensem finanziellen Druck und können es sich nicht erlauben, dass eine Herde krank und damit unverkäuflich wird. Denn viele Verbraucher wollen auch weiterhin ein Putenschnitzel für zwei Euro kaufen. Solange sich das nicht ändert, wird sich auch das Leben vieler Millionen Puten nicht verbessern.
Die erschreckenden Bilder der vergangenen Fleischskandale sollte sich jeder Verbraucher immer wieder vor Augen halten. Möglicherweise drosselt das künftig den Appetit auf billiges Fleisch. Denn das hat in Wahrheit einen hohen Preis.
Stand: 19.02.2009 17:08 Uhr







