Wirbel um Käßmann-Äußerungen

Selten hat eine Predigt so viel Aufmerksamkeit bekommen. Die Worte der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann zum Afghanistan-Einsatz haben heftige Reaktionen hervorgerufen. Man müsse über Alternativen zum Militäreinsatz nachdenken, hatte die Bischöfin gesagt. Die Bundesregierung spricht von "Meinungsverschiedenheiten" mit der Evangelischen Kirche. Dort hat noch niemand Käßmann widersprochen. Davon solle man sich aber nicht täuschen lassen, sagt Robert Leicht. Er war selber einmal EKD-Ratsmitglied, jahrelang Leiter der Evangelischen Akademie in Berlin und ist heute "Zeit"-Autor: "Deshalb würde ich doch davor warnen, etwaige Konsenskundgebungen schon für das Ende der Debatte zu halten. Ich kenne sehr viele Leute, die intern sagen: So geht es nicht!"
"Hier muss ein Umdenken passieren"
Offiziell stehen aber die Amtsbrüder und -schwestern zu Käßmann. Mit ihrer Aussage zu Afghanistan spreche sie für die Mehrheit in der Evangelischen Kirche. Da ist sich der pommersche Bischof Hans-Jürgen Abromeit sicher: "Hier muss ein Umdenken passieren. Wir müssen ganz klar aktiv in den Wiederaufbau des Landes investieren - zum Beispiel der Aufbau der Polizeitruppe. Dort hat es fast keine Fortschritte gegeben, und wenn das in sieben, acht Jahren nicht geschehen ist, dann wird das auch in den folgenden sieben, acht Jahren nicht geschehen, wenn man nicht das Ruder 'rumreißt."
Der Publizist Robert Leicht übt dagegen scharfe Kritik an dem Niveau der Äußerungen Käßmanns: "Die Frage ist, ob sie die Sachen, über die sie spricht, wirklich durchschaut und verstanden hat." Leicht bezweifelt das. Zu unpräzise und wolkig sind ihm die Äußerungen der Ratsvorsitzenden. "Als Position ist sie nicht zu bewerten, weil sie nicht gut durchdacht ist. Da äußert sich ein Wunsch nach Frieden, der aber nicht unterfüttert ist durch eine politische Analyse."
Gibt es so etwas: einen gerechten Krieg? Diese Frage beschäftigte die Christen von Anfang an. Kann man mit der Bergpredigt Politik machen? Robert Leicht wirft der Bischöfin vor, der jüngsten EKD-Friedensdenkschrift nicht gerecht zu werden. So gehe Käßmann mit keinem Wort darauf ein, dass dem Afghanistan-Einsatz ein lückenloses UNO-Mandat zugrunde liegt. "Die kirchliche Originalität besteht nun nicht darin, zu rufen 'Frieden!' und 'Weg mit den Soldaten!'."
Politik reagiert gereizt
Die Reaktion der Politik: gereizt. "Schlichter Pazifismus", schimpft Ruprecht Polenz von der CDU. Der Bundeswehrverband wirft Käßmann vor, die Soldaten im Stich zu lassen. Das Wort vom "Dolchstoß" liegt schon in der Luft. Stefan Ruppert, der kirchenpolitische Sprecher der FDP, rät zur Gelassenheit: "Frieden ist ja nun eine der zentralen christlichen Botschaften. Und dass sich eine Bischöfin da auch im Bezug zum Tagesgeschäft äußert, finde ich nachvollziehbar."
Überrascht von der heftigen Kritik an Käßmann ist der Bischof der Landeskirche Schaumburg-Lippe, Karl-Hinrich Manzke: "Ich denke schon, dass die Verantwortlichen in der Politik merken, dass das Eis dünner wird in der Argumentation des Afghanistan-Einsatzes, wie er vor einigen Jahren begonnen hat. Die politische Debatte darum, aber auch die Einmischung der Kirchen muss man auch von politischer Seite nicht fürchten. Insofern erstaunen mich manch harte Kritikpunkte, die Frau Käßmann unterstellen, was sie gar nicht gesagt hat."
Der Journalist Robert Leicht, einer der Intellektuellen des deutschen Protestantismus', wünscht sich mehr Substanz in der Friedensdebatte der Kirchen und in den Stellungnahmen Käßmanns: "Ich würde ihr anraten, bevor sie sich in solchen heiklen Fragen al fresco äußert, gründlich Rat einzuholen - bei Menschen, die in der Politik, im Militärischen und Geschichtlichen hinreichend erfahren sind. Und dann wird man in einer Diskussion feststellen: Was kann das Wort der Kirche zum gegenwärtigen Zeitpunkt sein, ohne dass alle den Kopf schütteln?"





