Dirty Dozen IV (Folge 2): Albert Mangelsdorff: "Tension!"

Das erste, was sich beim Wiederhören dieser Platte einstellt, ist der machtvolle Eindruck: Wie frisch klingt das noch heute! Es ist 46 Jahre her, dass Albert Mangelsdorff mit seinem Quintett das Album "Tension!" einspielte. Aber 2009 wirkt diese Musik unverbrauchter und lebendiger als manche Neuproduktion. "Tension!" gleicht geradezu einem akustischen Jungbrunnen: Es ist, als ob sich mit dem Auflegen der Platte die Überraschung wiederholt, die sie 1963 ausgelöst haben muss. Frisch klingt schon die Besetzung: Posaune, zwei Saxofone, Bass und Schlagzeug, das hatte es damals noch nicht gegeben. Mit dem Wegfall des Klaviers war der Band nicht nur das harmonische und rhythmische Korsett etwas gelöst worden. Es entfiel auch eine gewisse Erdenschwere. Auf einmal klang alles luftig, frei und wagemutig.
Improvisation im Vordergrund
Frisch klingen auch die Arrangements. Die Linien etwa, die zwei der Bläser im Hintergrund spielen, wenn ein dritter improvisiert, ergeben oft ganz wundersam funkensprühende Reibungen. Manche der Stücke machen eine aufregende Metamorphose durch. Die Titelnummer beispielsweise wird von unbegleiteten Bläsersoli durchsetzt und endet in einer freien Kollektivimprovisation. Albert Mangelsdorff selbst hat zu all dem gesagt, es sei eigentlich egal, in welcher Besetzung man Musik mache. Diese hier sei mehr oder weniger zufällig entstanden. Und auch das Arrangement spiele eigentlich überhaupt keine Rolle für ihn. Es liefere nur den Rahmen für den Inhalt, um den es wirklich gehe: Nämlich, sagt Albert Mangelsdorff, die Improvisationen. Aber auch die klingen heute noch frisch. Denn sie halten fast immer die ungeheuer moderne Balance zwischen emotionaler Energie und intellektueller Sorgfalt.
Da ist Heinz Sauers expressives Tenorsaxofon, das sich selbst scheinbar mit jedem Ton zur reduzierten Wesentlichkeit diszipliniert. Da ist der heute fast vergessene Günter Kronberg am Altsaxofon, der aussah wie ein Versicherungskaufmann, aber so scharf den Blues spielen konnte wie Jackie McLean. Günter Lenz mit seinem geschmeidigen, wendigen Bass - er macht hier das Durchmessen statischer Harmonieflächen zum bewegten Abenteuer. Und Ralf Hübner köchelt am Schlagzeug darunter wie ein deutscher Billy Higgins. Allen voran aber ist da natürlich der Bandleader Albert Mangelsdorff selbst, dessen Spiel hier noch vor der Entdeckung der Mehrstimmigkeit, aber konzeptionell bereits in voller Blüte steht. Schon hier haben seine Töne jene eigentümliche "Gewichtung", jene forschende Energie, die ihn später umso stärker kennzeichnen.
Etwas Besonderes
Das Repertoire auf "Tension!" besteht durchweg aus Eigenkompositionen - ungewöhnlich für eine deutsche Platte zu dieser Zeit. Gehört wurde sie sogar jenseits des Atlantik: Im amerikanischen Down Beat erhielt sie - auch das damals sensationell für eine europäische Produktion - viereinhalb Sterne. Für den Jazz der Bundesrepublik wurde "Tension!" ein Schlüsselalbum. Im Rückblick hat mit dieser Einspielung der bedeutendste Jazzmusiker, den dieses Land bis heute hervorgebracht hat, zu seinem eigenen Sound gefunden. Und was sagt der selbst? Bei all seiner Bescheidenheit hat auch Albert Mangelsdorff im Nachhinein zugestanden, dass diese Platte etwas Besonderes war "Tension!" hatte auch er als Einschnitt empfunden. Nun erst hieß es für ihn: "Ab hier gilt’s."











