The Grieg Code

Es klingt wie aus dem Drehbuch eines Agenten-Thrillers: Als Geir Lysne die internationale Edvard-Grieg-Gesellschaft per Mail von den Ergebnissen seiner Versuche mit Griegs Partituren benachrichtigte, meldete sich ein Kontaktmann aus einem benachbarten Büro in Oslos Musikakademie. Dieser war, wie sich beim ersten Treffen der bis dahin einander unbekannten Kollegen herausstellte, auch noch der Schwiegervater von Lysnes Schlagzeuger. Der Saxofonist und Bandleader liebt solche Zufälle. Doch "The Grieg Code" ist kein Spionageroman, sondern das jüngste Kapitel einer musikalischen Erfolgsgeschichte aus Norwegen.
Dort versammelte Lysne vor rund zehn Jahren 20 befreundete Musiker im "Listening Ensemble", um seine eigenen Partituren einmal hören zu können. Eine Radio-Bigband gab es in jenen Jahren in Norwegen nicht, und amerikanische Expatriates wie Thad Jones oder Bob Brookmeyer belebten nur die Szenen in Dänemark und Schweden. "Das ist einerseits schade, weil wir nicht von ihnen lernen konnten", bedauert Lysne, "andererseits mussten wir so eben unserem eigenen Geschmack vertrauen. Vielleicht klingen deshalb norwegische Musiker wie Bugge Wesseltoft oder Jan Garbarek etwas anders."
Klangvolle Anagramme
Anlässlich der Premiere beim Berliner Jazzfest 2001 lobte Werner Burkhardt: "Das Geir Lysne Listening Ensemble kupfert nichts und nirgendwo ab, hat bei aller fetzenden Wucht etwas Sprödes, liebenswert Eigenbrötlerisches, macht einen nur manchmal etwas seekrank, wenn man der Versuchung erliegt, die Fünfer- und Siebener-Rhythmen mitzuzählen."
Mit reduzierter Besetzung pflegt das aktuelle Geir Lysne Ensemble sanftere Töne. Die Idee zum "Grieg Code" entstand, als Lysne ein Thema von Edvard Grieg für Percussion, Trompete und Akkordeon arrangierte. "Wir haben das in Konzerten gespielt und sogar aufgenommen. Und keiner in der Band - und das sind ja ausgebildete Leute - wusste, welches Stück sie da hörten und spielten. Es klänge beinahe wie Grieg, sagten sie", lacht Lysne. Dabei basieren seine Kompositionen unmittelbar auf Werken Griegs. Zum Beispiel auf dem lyrischen Thema des a-Moll-Klavierkonzerts: "Zwei Takte daraus, drei Oktaven tiefer und in der Umkehrung - und schon ist es eine coole bassline."
Die Titel der jeweils zugrunde liegenden Grieg-Kompositionen verwandelte Geir Lysne in klangvolle Anagramme. Der verschlüsselte Code entfaltet eine bezaubernde Poesie: "Die Zuhörer sollen nicht versuchen, Referenzen oder Zitate zu finden. Sie sollten lieber auf die Musik hören. Nach dem Konzert beim Bier können sie ja ein bisschen mit der Tracklist puzzeln."










