Unser Jahrhundert. Ein Gespräch
Vorgestellt von Daniela Remus

Helmut Schmidt, der frühere Bundeskanzler und Herausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", wird nicht nur in seiner Heimatstadt Hamburg verehrt, geschätzt und geliebt, sondern ist auch international hoch angesehen. In Deutschland wird der mittlerweile 91-Jährige alljährlich bei Umfragen als herausragendes Vorbild benannt. Kein Wunder also, dass eine Publikation aus dem Hause Schmidt für großes Aufsehen sorgt. Gemeinsam mit seinem Freund, dem amerikanischen Historiker Fritz Stern, der 1926 in Breslau geboren wurde, hat Helmut Schmidt über das vergangene Jahrhundert räsoniert und nachgedacht. Diese Gespräche liegen nun in gedruckter Form vor. "Unser Jahrhundert" heißt das Buch. Um es vorzustellen, waren die beiden Herren gestern im Hamburger Thalia Theater zu Gast.
Um es gleich zu sagen: "Unser Jahrhundert" ist kein Geschichtsbuch. Zwar diskutieren Helmut Schmidt und Fritz Stern über das 20. Jahrhundert, aber der Leser erfährt vor allem, wie die beiden - aufgrund ihrer unterschiedlichen Biografien - über den Holocaust, das heutige Verhältnis der Deutschen zu Israel, über den Ost-West Konflikt und auch die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise, denken. In lockerer Form, ohne jedoch unpräzise oder schwafelig zu sein, sprechen oder streiten sie über das Bismarcksche Rentensystem, über den Nahost-Konflikt und die Frage, wie viel Ethik die Politik verträgt. Man kann es beim Lesen förmlich hören. Sehr einig sind sie sich in einem grundsätzlichen Punkt: Die Auseinandersetzung mit Geschichte sei für jede demokratische Gesellschaft unverzichtbar.
Im Thalia Theater formulierte Fritz Stern das so: "Lernen kann ich nur sagen, das heißt, dass man sich mit der politischen Kultur des eigenen Landes und der Nachbarländer nicht nur dessen bewusst ist und darüber Kenntnisse hat, sondern sich auch dafür einsetzt."
Aus der Geschichte lernen
Helmut Schmidt nennt die Weltwirtschaftskrise als aktuelles Beispiel, das zeigt, was man aus der Geschichte lernen kann: "Wir hatten im Jahre 2007 eine schwere Bankenkrise in Amerika, in England, die sich ausbreitete über die ganze Welt, im Jahre 2008 entstand aus dieser Bankenkrise die Gefahr einer weltweiten Depression mit Hunderten von Millionen Arbeitslosen in China, Japan, in Europa, Russland, überall, und nun haben die Regierungen den schlimmen Fehler nicht wiederholt, den ihre Vorgänger, 1930, 31 ,33 gemacht haben."
Die grundlegendste Kontroverse der beiden betrifft wohl die Frage danach, was die Deutschen während der Zeit des Nationalsozialismus von den Konzentrationslagern wussten. Während Helmut Schmidt sagt, er habe von Dachau und Auschwitz erst nach Kriegsende gehört, ist Fritz Stern der Ansicht, dass diese Erfahrung nicht verallgemeinerbar sei: "Dachau - das können sie in der deutschen Zeitung, in der ersten oder zweiten Woche März 1933 sehen - da gab es Bilder, die Dachau zeigten, die auch die politischen Gefangenen zeigten, also die Nazis haben das benutzt zur Einschüchterung der Bevölkerung und waren damit auch ziemlich erfolgreich."
Ein Blick auf "die Deutschen"
Auch der Blick auf die Deutschen, auf ihre politische Reife und ihr Demokratieverständnis ist unterschiedlich. Während Fritz Stern, der wegen seiner jüdischen Herkunft Deutschland 1938 verlassen musste, die Deutschen für verlässliche Demokraten hält, ist Helmut Schmidt in dieser Hinsicht skeptisch: "Sie sind in dieser Hinsicht vielleicht ein bisschen stärker verführbar als andere. Ich denke einmal an die Beispiele, die wir im Laufe der letzten 20, 30, 40 Jahre miterlebt haben. Das heißt: "Weil die Deutschen im Unterbewusstsein belastet sind mit dem Versagen der vorangegangenen Generationen, machen sie sich leicht Sorgen um das, was in der folgenden Generation möglicherweise passiert."
Fazit: Ein anregendes Buch, interessant und informativ, das einen Großteil seiner Spannung der Tatsache verdankt, dass hier kein Pseudo-Gespräch mit aalglatten Formulierungen stattfindet, sondern dass ein pragmatischer Politiker und ein Historiker im engagierten Gedankenaustausch um Antworten und Einschätzungen ringen. Das vermittelte sich auch dem Publikum im Thalia Theater. Mucksmäuschenstill und hochkonzentriert lauschten die Zuhörer den klugen Ausführungen der beiden alten Herren. Fast ehrfürchtig bedankten sie sich mit donnernden Beifall.
Unser Jahrhundert. Ein Gespräch
228 Seiten / 21,95 €
ISBN: 3406601324
Verlag C. H. Beck









