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Buch-Tipp | 23.02.2010 10:56 Uhr

Die Frau mit dem roten Tuch

Vorgestellt von Severine Naeve

Der norwegische Autor Jostein Gaader schreibt hauptsächlich für Kinder und Jugendliche. Mit "Sofies Welt" hat er einst einen internationalen Bestseller über die Geschichte der Philosophie verfasst. Jetzt ist sein neuester Roman erschienen: "Die Frau mit dem Roten Tuch", ein E-Mail-Roman für Erwachsene, die bei der Lektüre aber durchaus auch noch etwas lernen können.

Cover: Die Frau mit dem roten Tuch, von Jostein Gaarder © Carl Hanser

Woher kommen wir, wohin gehen wir und warum sind wir überhaupt? Es sind die großen Fragen des Lebens und unserer Existenz, derer sich Jostein Gaarder in seinen Werken annimmt. Gaarder studierte unter anderem Philosophie und Theologie und hat lange als Lehrer gearbeitet, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Der Mann hat sich im Laufe seines Lebens also sicher einige Gedanken über passende Antworten gemacht.

Liebesgeschichte und Philosophie

In "Die Frau mit dem roten Tuch" bekommen wir einige davon zu lesen. Gibt es ein Leben nach dem Tod und steckt eine göttliche Idee hinter dem Universum? Oder müssen wir uns an die Fakten der Evolutionsgeschichte halten, wenn wir der großen Wahrheit näher kommen wollen? Verpackt hat Gaarder seine philosophischen Ausführungen in eine Liebesgeschichte. Ein einstiges Liebespaar sieht sich nach dreißig Jahren wieder - an dem Ort, an dem sich einst ein schrecklicher Unfall ereignete, den beide nie verwunden haben. Sie erkennen, dass sie sich der Vergangenheit stellen müssen. Über E-Mails versuchen sie, die Ereignisse von damals aufzuarbeiten.

Solrun: "Es war wie ein Zauber, dich wiederzusehen. Und ausgerechnet dort! Du warst so verdutzt, dass du fast über deine eigenen Füße gestolpert wärst. Glaub mir, das war keine zufällige Begegnung. Hier waren Kräfte am Werk!"

Steinn: "Du deutest an, dass hinter unserem unglaublichen Wiedersehen auf der Hotelveranda übernatürliche Kräfte gesteckt haben könnten. Was das angeht, bitte ich Dich um Verständnis dafür, dass ich heute ebenso aufrichtig sein werde wie damals. Ich kann so einen Zufall nur als ein Ereignis ansehen, hinter dem sich keinerlei Wille oder 'Lenkung' verbirgt."

Mann- und Frau-Klischee

Es ist der Mann - ganz analytischer Wissenschaftler - dessen Weltsicht sich an vermeintlichen Fakten der Naturwissenschaften orientiert. Die nicht greifbaren Zwischentöne unseres Daseins werden vom weiblichen Gegenpart verkörpert. Dieses Klischee aufzubrechen wäre sicher erfrischend gewesen, aber Gaarders Stereotype sind möglicherweise näher an der Realität.

Solrun: "Natürlich kann man bedauern, dass wir nicht alles zwischen Himmel und Erde erklären können (...), aber bis auf  Weiteres müssen wir dieser Tatsache ins Auge sehen. Dass du mir einen Gedanken sendest, den ich mehr oder minder bewusst empfangen habe, mag aufgrund dessen, was wir heute mathematisch oder physikalisch erklären können, nicht zu verstehen sein. Aber es ist vielleicht auch nicht schwerer zu akzeptieren als die Quantenphysik."

Die Passagen, in denen Gaarder ins Dozieren gerät, sind gelegentlich etwas ermüdend. Sein Protagonist scheint, stellvertretend für ihn, den Leser noch einmal schnell aufklären zu müssen, bevor es ans Eingemachte geht.

Steinn: "Was wir wissen ist, dass im Bruchteil einer Sekunde in einer ungeheuren Energieentladung die erste Materie entstand, Protonen, Neutronen, Elektronen und einige andere Teilchen, bis das entstehende Universum abkühlte und erst die leichten Atome und mit der Zeit Sterne, Planeten, Galaxien und Haufen von Galaxien entstanden..."

Es ist jedoch nicht die Kollision zweier Weltbilder, sondern es sind die alltagsnahen Dinge, welche die Geschichte tragen. Woran zerbricht eine Beziehung und warum redet derjenige, der keine Antwort weiß, oft umso mehr?

Solrun: "Ich bin beeindruckt. Nein, nicht im Ernst. Du erinnerst mich an einen kleinen Jungen, der eine Frage nicht beantworten kann und sich damit behilft, dass er über etwas redet, was er weiß."

Spannungsbogen bis zum Schluss

In dem Schlagabtausch seiner Protagonisten zeigt sich Gaarders großes Talent, komplexe Beziehungen zu schildern. Denn oft wird es dann kompliziert, wenn sich beide frei genug fühlen auszusprechen, woran sie glauben. Gleich welcher geistigen Strömung der Leser vertraut, ob spirituell oder analytisch, religiös oder zweifelnd - beide Seiten machen ihren Punkt. Gaarder schafft es bis zum Schluss, den Spannungsbogen zu halten. Und er versteht sein Handwerkszeug gut genug, um die dunklen Geheimnisse der Geschichte nicht zu früh zu lüften - dramatisches Ende inklusive.

Die Frau mit dem roten Tuch

Jostein Gaarder

221 Seiten / 18,90 €

ISBN: 978-3-446-23488-8

Verlag Carl Hanser

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