Die Monster von Templeton
Vorgestellt von Katrin Schumacher

Wenn man auf die Bestsellerlisten schaut, dann lassen sich schon seit geraumer Zeit zwei große Trends ausmachen: Zum einen Fantasy - da tummeln sich Vampire, Elfenvolk und Magier in meistens seitenstarken Büchern, zum anderen Familiengeschichten - Autoren machen sich auf die Suche nach ihren eigenen Ahnen oder fiktiven Vorfahren. Eine Schriftstellerin, die diese beiden Trends nun gleich in einem Buch zusammenfasst, ist Lauren Groff. Ihr Debüt "Die Monster von Templeton" hat bereits in ihrer Heimat USA Aufsehen erregt. Gerade ist es in deutscher Übersetzung erschienen.
"An dem Tag, als ich knietief in der Schande nach Templeton zurückkehrte, tauchte im Flimmerspiegelsee der über fünfzehn Meter lange Kadaver eines Ungeheuers auf. Es war eine dieser seltsamen Morgendämmerungen, die den Juli dort in Purpurrot tauchen, wenn der Kessel, den die Hügel bilden, sich mit einem dichten Nebel füllt und selbst die Singvögel nur noch zaghaftes Trillern von sich geben, weil sie nicht wissen, ob es Tag oder Nacht ist."
Eine Rückkehr mit einer Hypothek
Ein morgendliches Stillleben mit prähistorischem Monster: Das erste und nicht das einzige, das in Templeton auftaucht, in diesem amerikanischen Städtchen im Bundesstaat New York. Nach Templeton kommt die junge Archäologin Willie mit einer ziemlichen Hypothek zurück: Sie hat sich von ihrem Professor schwängern lassen auf einer Exkursion nach Alaska, hat dessen Ehefrau in einem Eifersuchtsanfall beinahe mit einem Propellerflugzeug überrollt, hat eine Doktorarbeit im Nacken, die sie abgeben muss und kehrt in ein Nest zurück, das sie eigentlich für immer verlassen hatte. Dort warten Kindheitserinnerungen und Teenagerlieben und ihre Hippie-Mutter Vi, die, genau wie sie, einst aus Versehen schwanger nach Templeton zurückgekommen war.
Ein Experiment in Sachen freie Liebe
Die Geschichte meiner Zeugung erfuhr ich, lange bevor ich sprechen lernte. Vis Augen leuchteten immer vor Freude und Wehmut auf, wenn sie beschrieb, wie sie damals in San Francisco gelebt hatte, in einer Kommune, also etwas, das sie gerne als "Experiment in Sachen freie Liebe" bezeichnete.
Doch Willies Vater ist beileibe kein anonymer Hippie aus den Blumenkindzeiten in der Kommune. Nach 28 Jahren gesteht Vi ihrer Tochter plötzlich, dass ihr Vater in Templeton lebt. Den Namen will sie partout nicht preisgeben. Doch Ausgrabungen sind das Metier der jungen Archäologin und mit den Grabungen in der Familiengeschichte kommt Willie dem Geheimnis um ihren Vater auf die Spur. Virtuos erzählt Lauren Groff, wie die junge Frau Geheimnisse vom Familien-Stammbaum schüttelt, etwa alte Porträts entschlüsselt.
"Man sah acht hübsche Mädchen, aufgereiht wie die Orgelpfeifen und in der typischen Aufmachung des neunzehnten Jahrhunderts. Ich schaute und schaute, bis schließlich der Groschen fiel. Es waren alle Haarfarben vertreten, von den dunkelroten Löckchen der kleinen Charlotte bis zu den hellblonden Haarschöpfen ihrer beiden Zwillingsschwestern. Und es gab eine solche Vielfalt von Nasen, Lippen, Wangen, Augen, dass es sich bei den Schwestern ebenso gut um eine Ansammlung von Mädchen aus dem Waisenhaus hätte handeln können."
Ein reales Vorbild
Eine Familiengeschichte mit ehelichen und unehelichen Sprösslingen, die über mehr als zehn Generationen geht und die ein reales Vorbild hat: Die Schriftstellerin Lauren Groff ist in Cooperstown aufgewachsen, benannt nach James F. Cooper, dem Lederstrumpf-Autoren. Und dieses Städtchen heißt nun in ihrem Roman Templeton. Aus James F. Cooper wurde Jacob F. Temple. Und auch viele andere Details sind gleich. Lauren Groffs Roman ist also eine veritable Nachhilfestunde in Sachen amerikanische Geschichte, allerdings zusammengehalten durch die Monster im Flimmersee und andere Geister.
"Einen Moment lang hatte ich das Gefühl allein zu sein, doch dann spürte ich, sogar mit geschlossenen Augen, wie der Geist wieder ins Zimmer schlüpfte, unantastbar, (…) eine feuchte dunkle Aura, die nach Anis und dem kühlen, violetten Geruch der Schatten duftete."
Ein echter Schmöker
Ein duftender Schutzgeist, Stimmen aus dem Jenseits und dazu eine Protagonistin, die langsam alle Fäden in die Hand bekommt, um die Rätsel um sich und Templeton zu lösen: mit Verve entführt Lauren Groff die Leser in ein seltsames Geschehen in einer eigentlich ganz entzückenden Kleinstadt, der heimlichen und unheimlichen Protagonistin in diesem Buch. Ein echter Schmöker, der auch mal wieder ein geheimes Gesetz zu bestätigen scheint, das da besagt, Romane mit Fantasythemen müssen besonders dick sein. Auch Lauren Groffs Buch hat über 500 Seiten. Aber keine zuviel.
Die Monster von Templeton
507 Seiten / 22,90 €
ISBN: 3.406.583.903
Verlag C. H. Beck








