Ein geschenkter Tag
Vorgestellt von Katja Weise

Anna Gavaldas Erzählungen "Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet" waren ein Überraschungserfolg; der Roman "Zusammen ist man weniger allein" ein Bestseller. Vor allem die deutschen Rezensenten lobten den heiteren, melancholischen Ton, mit dem hier teilweise schwere Kost gereicht werde. Der letzte Roman "Alles Glück kommt nie" fiel vergleichsweise ab. Jetzt hat der Hanser Verlag ein in Frankreich erstmals 2001 erschienenes Büchlein ausgegraben: "Ein geschenkter Tag".
Es ist ein schmales Bändchen, das einfach in die Hand genommen werden will: ein Versprechen in Lavendelblau. Inmitten der Lavendelfelder fährt ein Auto, in das man am liebsten sofort einsteigen würde, um mit dabei zu sein, bei dieser großen, wunderbaren Reise. Doch, Vorsicht, ein bisschen sollte man damit lieber noch warten, denn bevor alles so richtig schön werden kann, gibt es erstmal Stress, zumindest im Auto von Anna Gavalda: "Ich saß noch nicht richtig, eine Pobacke in der Luft, die Hand auf der Wagentür, da blaffte mich meine Schwägerin bereits an: 'Na, endlich. Hat du unser Hupen nicht gehört? Wir stehen hier schon seit zehn Minuten!' 'Hallo', antwortete ich."
Ein "Geschwistertag" auf dem Land
Garance, das Alter Ego der Autorin, ihr Bruder Simon und dessen ziemlich zickige Frau sind auf dem Weg zur Hochzeit einer Verwandten. Dort wollen sich alle vier Geschwister treffen: Doch Vincent, der jüngste, kommt nicht. Die Enttäuschung ist groß, und weil die anderen gerade alle vom Leben ein bisschen geschüttelt worden sind, beschließen sie, die Hochzeit einfach sausen zu lassen. Heimlich büchsen sie aus, ohne die Schwägerin, und schenken sich einen heiteren Geschwistertag auf dem Lande, bei Vincent:
"Simon sang, Vincent lachte und Lola lächelte. Wir liefen alle vier mitten auf einer noch warmen Landstraße durch ein Dorf im Departement Indre. In der Luft lag ein Geruch nach Teer, nach Minze und gemähtem Heu. Die Kühe bewunderten uns, und die Vögel riefen einander zu Tisch."
"Ein geschenkter Tag" wirkt wie eine Fingerübung für die beiden großen, 2005 und 2008 erschienenen Romane . Auch hier feiert Anna Gavalda schon die Ursprünglichkeit des Landlebens und giftet gegen die Beschränktheit eines sich nur um Äußerlichkeiten drehenden Daseins. Mit der Liebe ist es ebenso "gavaldagemäß" kompliziert, doch spürt man in jeder Zeile die tiefe Überzeugung der Autorin: "zusammen ist man weniger allein" und das, obwohl Anna Gavalda Botschaften überhaupt nicht mag:
"Ich will keine Botschaften überbringen, ich will die Leute unterhalten, ich will, dass sie die Seiten umblättern! Und wenn sie zu Ende gelesen haben, sollen sie sich an die Figuren erinnern und sich fragen, ob sie, also die Leser, vielleicht auch etwas anders machen könnten in ihrem Leben."
Federleichte Melancholie
"Ein geschenkter Tag", im französischen "Léchappée belle", eine wunderbare Flucht, ist, wie gesagt, ein schmales Buch - eigentlich nur eine Erzählung -, die aber ähnlich wie "Zusammen ist man weniger allein" von dem typischen Gavalda-Sound getragen wird. Geradezu süchtig werden kann man nach dieser federleichten, irgendwie atemlosen, bissigen Melancholie, die die Übersetzerin Ina Kronenberger einmal mehr ziemlich gekonnt ins Deutsche hinüber gerettet hat. Und so kann man oder vielleicht doch eher frau mit Hilfe dieses Buches zwar nicht einen ganzen Tag aus dem Alltag fliehen, aber zwei, drei Stunden schon, Rückfahrt inklusive:
"Auf der restlichen Fahrt sagten wir kein Wort. Spulten den Film zurück und dachten an morgen. Die große Pause war zu Ende. Gleich würden die Glocken läuten. Alle in Zweierreihen aufstellen. Ruhe, bitte. Ruhe, habe ich gesagt!"
Hörbuch: gesprochen von Katharina Wackernagel, Der Hörverlag, 16,95 €
Ein geschenkter Tag
144 Seiten / 12,90 €
ISBN: 3446234896
Hanser Verlag










